Hypnose: Was passiert dabei wirklich in unserem Gehirn?
Von Natalie Eckenschwiller · Heilpraktikerin für Psychotherapie
Um Hypnose ranken sich viele Vorstellungen. Manche denken an Showhypnose und Menschen, die scheinbar willenlos auf einer Bühne stehen. Andere verbinden Hypnose mit Schlaf oder einem Zustand, in dem man nichts mehr mitbekommt.
Mit klinischer Hypnose hat das wenig zu tun.
Hypnose ist ein faszinierender Zustand fokussierter Aufmerksamkeit bei gleichzeitig tiefer Entspannung, bei dem sich die Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen verändern können. Und inzwischen lässt sich ein Teil dieser Veränderungen sogar mit modernen bildgebenden Verfahren untersuchen.
Beginnen wir mit einem der häufigsten Missverständnisse:
Hypnose bedeutet nicht, dass man schläft.
Ein Mensch kann während einer Hypnose sehr entspannt sein und seine Aufmerksamkeit stark nach innen richten und trotzdem bewusst wahrnehmen, was geschieht.
Vielleicht kennen Sie einen ähnlichen Zustand aus Ihrem Alltag.
Sie lesen ein Buch und merken plötzlich, dass Sie die letzten Seiten geradezu „verschlungen“ haben. Geräusche in Ihrer Umgebung haben Sie kaum wahrgenommen. Oder Sie hören Musik und sind für einen Moment so vertieft, dass alles andere unwichtig erscheint.
Sie waren nicht bewusstlos.
Ihre Aufmerksamkeit war lediglich sehr stark auf eine bestimmte Erfahrung ausgerichtet.
Genau diese Fähigkeit zur fokussierten Aufmerksamkeit spielt auch bei Hypnose eine zentrale Rolle.
Was passiert während einer Hypnose im Gehirn?
Eine besonders interessante Untersuchung stammt von einem Forschungsteam der Stanford University School of Medicine. Seniorautor der Studie war Dr. David Spiegel, Professor für Psychiatrie an der Stanford University und langjähriger Forscher auf dem Gebiet der Hypnose.
Spiegel ist unter anderem Willson Professor und Associate Chair of Psychiatry & Behavioral Sciences, Director des Center on Stress and Health sowie Medical Director des Center for Integrative Medicine an der Stanford University School of Medicine. (Stanford-Profil)
Gemeinsam mit Heidi Jiang, Matthew P. White, Michael D. Greicius und Lynn C. Waelde untersuchte Spiegel, was sich im Gehirn während einer Hypnose verändert.
Die Studie wurde am 27. Juli 2016 online in der Fachzeitschrift Cerebral Cortex veröffentlicht und erschien anschließend in Band 27 der Zeitschrift im Jahr 2017. (OUP Academic)
Und die Untersuchung fand tatsächlich in Stanford statt: Die fMRT-Aufnahmen wurden am Lucas Center for Imaging der Stanford University School of Medicine mit einem 3-Tesla-MRT durchgeführt. Die Studie wurde außerdem vom Institutional Review Board der Stanford University genehmigt.
Die Forschenden untersuchten zunächst 545 gesunde Menschen, um deren Hypnotisierbarkeit zu bestimmen. Aus dieser Gruppe wurden schließlich 57 Personen für die fMRT-Untersuchung ausgewählt: 36 mit hoher und 21 mit niedriger Hypnotisierbarkeit.
Während der Untersuchung wurden die Teilnehmenden unter verschiedenen Bedingungen untersucht. Unter anderem in Ruhe, beim Erinnern an eine Situation und während zweier unterschiedlicher Hypnosebedingungen.
So konnten die Forschenden vergleichen, was sich speziell während der Hypnose veränderte.
Und genau hier wird es spannend.
Ein Bereich des Gehirns wurde weniger aktiv
Eine der zentralen Beobachtungen betraf den sogenannten dorsalen anterioren cingulären Cortex, kurz dACC.
Während der Hypnose zeigte sich dort eine verringerte Aktivität. Der dACC ist Teil eines größeren Netzwerks, das unter anderem daran beteiligt ist, relevante Informationen zu erkennen und Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was gerade wichtig ist. (OUP Academic)
Das ist interessant, weil sich damit ein Teil dessen erklären lässt, was Menschen während einer Hypnose häufig beschreiben:
Die Aufmerksamkeit wird stärker gebündelt.
Reize aus der Umgebung können weniger wichtig werden. Gedanken, Bilder, Körperempfindungen oder die Stimme des Therapeuten können dagegen stärker in den Mittelpunkt rücken.
Das Gehirn schaltet dabei aber keineswegs einfach ab.
Es verändert vielmehr, welche Informationen wie stark verarbeitet und miteinander verknüpft werden.
Schaltet sich dabei der Frontallappen ab?
Diese Frage wird im Zusammenhang mit Hypnose häufig gestellt.
Die kurze Antwort lautet:
Nein. So lässt sich die Forschung nicht zusammenfassen.
Der Frontallappen ist kein einzelner „Schalter“. Er besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Regionen, die an verschiedenen Funktionen beteiligt sind.
Die Stanford-Studie zeigte beispielsweise eine verringerte Aktivität im dACC. Gleichzeitig untersuchten die Forschenden aber auch den dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC), der zum sogenannten Executive-Control-Netzwerk gehört.
Und hier wurde etwas anderes beobachtet:
Während der Hypnose nahm die funktionelle Verbindung zwischen dem DLPFC und der Insula zu. Gleichzeitig war die Verbindung zwischen dem DLPFC und dem posterioren cingulären Cortex reduziert. (OUP Academic)
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Es geht also nicht darum, dass „der Frontallappen weniger aktiv ist“.
Vielmehr scheint sich während der Hypnose die Zusammenarbeit verschiedener Gehirnregionen und Netzwerke zu verändern.
Und genau das macht die Ergebnisse so spannend.
Was bedeutet „funktionelle Verbindung“?
Der Begriff klingt komplizierter, als er ist.
Wenn Forschende von funktioneller Konnektivität sprechen, untersuchen sie vereinfacht gesagt, wie stark die Aktivität verschiedener Hirnregionen miteinander zusammenhängt.
Man kann sich das ein wenig wie ein großes Orchester vorstellen.
Nicht nur die einzelnen Musiker sind wichtig. Entscheidend ist auch, wie sie miteinander zusammenspielen.
Während einer Hypnose verändert sich nach den Ergebnissen dieser Studie nicht einfach nur die Aktivität einzelner Bereiche. Auch die Zusammenarbeit bestimmter Netzwerke verändert sich.
Das ist möglicherweise ein wichtiger Teil dessen, was den hypnotischen Zustand charakterisiert.
Aufmerksamkeit, Körper und innere Wahrnehmung
Besonders interessant ist die stärkere funktionelle Verbindung zwischen dem dorsolateralen präfrontalen Cortex und der Insula.
Die Insula ist an der Verarbeitung verschiedener körperlicher und emotionaler Informationen beteiligt.
Der präfrontale Cortex wiederum ist unter anderem an komplexen kognitiven Prozessen beteiligt.
Die Studie zeigt also eine veränderte funktionelle Zusammenarbeit zwischen Bereichen, die unterschiedliche Aspekte unseres Erlebens verarbeiten. (OUP Academic)
Das passt zu einer wichtigen Erfahrung in Hypnose:
Unsere Aufmerksamkeit kann beeinflussen, wie wir unseren Körper und unsere innere Welt wahrnehmen.
Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit beispielsweise ganz bewusst auf Ihre Atmung richten, nehmen Sie Ihren Atem plötzlich viel deutlicher wahr.
Wenn Sie sich intensiv vorstellen, wie Ihre Hände warm werden, kann sich diese Vorstellung unter Umständen auch körperlich bemerkbar machen.
Hypnose nutzt diese Fähigkeit des menschlichen Gehirns gezielt.
Und was ist mit dem „kritischen Verstand“?
Auch dieser Begriff wird im Zusammenhang mit Hypnose häufig verwendet.
Man hört beispielsweise Aussagen wie:
„In Hypnose ist der kritische Verstand ausgeschaltet.“
Wissenschaftlich ist diese Formulierung problematisch.
Die Stanford-Studie zeigt keinen ausgeschalteten kritischen Verstand.
Sie zeigt Veränderungen in der Aktivität und funktionellen Vernetzung bestimmter Hirnregionen und Netzwerke.
Das ist etwas anderes.
Eine Person verliert durch Hypnose nicht automatisch ihre Fähigkeit, wahrzunehmen, zu entscheiden oder eine Situation zu beurteilen.
Hypnose ist deshalb auch kein Zustand, in dem ein anderer Mensch einfach die Kontrolle über einen Menschen übernimmt.
Warum reagieren Menschen unterschiedlich stark auf Hypnose?
Eine weitere interessante Frage der Studie betrifft die sogenannte Hypnotisierbarkeit.
Die Forschenden untersuchten bewusst Menschen mit sehr hoher beziehungsweise sehr niedriger Hypnotisierbarkeit. Die beschriebenen Veränderungen während der Hypnose wurden insbesondere bei den hoch hypnotisierbaren Personen beobachtet.
Das bedeutet nicht, dass manche Menschen „stark“ und andere „schwach“ sind.
Hypnotisierbarkeit beschreibt vielmehr, wie gut jemand auf hypnotische Prozesse und Suggestionen reagiert.
Menschen unterscheiden sich darin.
So wie manche Menschen sehr leicht in einen Film eintauchen, sich lebhaft etwas vorstellen oder ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit auf eine Sache konzentrieren können, unterscheiden sie sich auch darin, wie ausgeprägt hypnotische Erfahrungen sein können.
Was bedeutet das nun für eine Hypnosetherapie?
Die Forschung ist spannend, weil sie zeigt, dass Hypnose nicht einfach nur bedeutet, „die Augen zu schließen und sich zu entspannen“.
Hypnose kann mit messbaren Veränderungen der Gehirnaktivität und der funktionellen Zusammenarbeit bestimmter Netzwerke einhergehen.
Gleichzeitig sollte man aus einer einzelnen fMRT-Studie keine zu großen Schlussfolgerungen ziehen.
Die Studie hatte eine relativ kleine, gezielt ausgewählte Stichprobe von 57 gesunden Personen. Sie untersucht insbesondere den hypnotischen Zustand und seine neuronalen Korrelate – sie ist deshalb beispielsweise kein Beweis dafür, dass Hypnosetherapie jedes gesundheitliche oder psychische Problem behandeln kann.
Hypnose ist kein Kontrollverlust
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis.
Hypnose bedeutet nicht, dass das Gehirn ausgeschaltet wird.
Und sie bedeutet auch nicht, dass ein Mensch seinen Willen verliert.
Vielmehr scheint sich die Art und Weise zu verändern, wie Aufmerksamkeit gelenkt wird und wie bestimmte Gehirnnetzwerke miteinander kommunizieren.
Vielleicht ist Hypnose weniger geheimnisvoll, als wir denken
Unser Gehirn besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu bündeln, innere Vorstellungen zu erzeugen und unsere Wahrnehmung zu beeinflussen.
Wir können uns so sehr in ein Buch vertiefen, dass die Umgebung unwichtig wird.
Wir können uns einen Ort vorstellen und dabei beinahe das Gefühl bekommen, tatsächlich dort zu sein.
Wir können uns auf unseren Atem konzentrieren und dadurch unsere körperliche Wahrnehmung verändern.
Hypnose nutzt diese natürlichen Fähigkeiten auf eine gezielte Weise.
Nicht Kontrolle wird aufgegeben. Die Aufmerksamkeit wird neu ausgerichtet.
Und genau darin liegt möglicherweise ein großer Teil der Faszination klinischer Hypnose.
Wissenschaftliche Quelle
Jiang, H., White, M. P., Greicius, M. D., Waelde, L. C. & Spiegel, D. (2017). Brain Activity and Functional Connectivity Associated with Hypnosis. Cerebral Cortex, 27(8), 4083–4093. DOI: 10.1093/cercor/bhw220. (OUP Academic)
Originalpublikation: Cerebral Cortex – Oxford Academic
